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Update 25.09.2026:

Die Geltinger Todesurteile vom Mai 1945

Hier kommt das, wonach ich seit 1994 – also über 30 Jahre lang – gesucht habe: Ein Foto des am 10. Mai 1945 in der Geltinger Bucht auf der Buéa wegen angeblicher Fahnenflucht hingerichteten Obergefreiten d. Res. MARTIN SCHILLING.
Dass meine Suche (und die vieler Historiker und Journalisten seit 1946) so lange erfolglos blieb, erklärt sich aus der Haltung seiner Eltern. Der Vater Middent Schilling (1888-1983) war angesehener Zimmerermeister in Holtland bei Leer in Ostfriesland. Er war stolz darauf, im I. WK als Offizier gedient zu haben, und er kam mit der Fahnenflucht seines Sohnes offenbar nicht zurecht. Seine Mutter Rita Schilling geb. Fecht (1889-1955) starb im Alter von nur 66 Jahren und hat den Tod ihrer beiden Söhne Focko (gef. 1942) und Martin nie verwunden. Im Gegensatz zu den Müttern der beiden anderen hingerichteten Marinesoldaten FRITZ WEHRMANN und ALFRED GAIL, die beide in den späteren Prozessen gegen Kommodore Rudolf Petersen u.a. als Nebenklägerinnen auftraten, lehnten Martin Schillings Eltern einen Beitritt zur Nebenklage und auch jeden Kontakt zur Presse ausdrücklich ab. An ihren Sohn Martin sollte nicht als hingerichteter Fahnenflüchtiger, sondern – wie bei seinem Bruder Focko – als im II. Weltkrieg gefallener Soldat erinnert werden. So steht unter seinem Porträt der Gefallenen und Vermissten aus der Gemeinde Holtland: Martin Schilling, gef. 10.5.1945 (4. Reihe, 5.v.l.):


„Die Umstände, unter denen sie um ihr Leben gebracht wurden, gehören zu den empörendsten Untaten der deutschen Militärjustiz“, so der Historiker GÜNTER FAHLE in seinem 1990 erschienenem Buch: „Verweigern – Weglaufen – Zersetzen. Deutsche Militärjustiz und ungehorsame Soldaten 1939-1945“. Dass in der Literatur jedoch nur von den beiden Matrosen Wehrmann aus Leipzig und Gail aus Kassel ausführlicher berichtet wurde, liegt an der Quellenlage; denn von dem Obergefreiten Martin Schilling „aus Ostfriesland“ war lange Zeit kaum etwas bekannt. So konnte auch JOCHEN MISSFELDT in seinem Roman „Steilküste“ nur von den beiden Soldaten „Ehrmann und Fredy“ erzählen.
Dabei hatte Günter Fahle auch über das Schicksal Martin Schillings berichtet, doch blieb seine
Veröffentlichung „hier oben“ in der regionalen Geschichtsforschung bisher völlig unbeachtet,
vermutlich wegen des Untertitels „Das Beispiel Ems-Jade“. Erst der Beitrag von PAUL WEẞELS über die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ im „Emder Jahrbuch 2026“ wies erneut auf „die Exekution des Ostfriesen Martin Schilling (…) in der Geltinger Bucht am 10. Mai 1945 (…).“ hin. Da nunmehr Kenntnisse zu den kurzen Lebensläufen und Fotos aller drei Opfer des NS-Militärjustiz vorliegen, sollen diese erstmals zusammengefasst dargestellt werden. Mein Beitrag „Die Geltinger Todesurteile im Mai 1945“ erscheint 2027 im „Natur- und landeskundlichen Jahrbuch für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg“ in der Verlagsgruppe Husum.

Bernhard Asmussen